Als book desert, Bücherwüste, wird eine Gegend mit einem erschwerten Zugang zu Büchern, Bibliotheken und Buchläden bezeichnet. In den Untersuchungen, die Susan B. Neuman in den 2000er Jahren in den USA durchführte, beschrieb sie ländliche Regionen, in denen es insbesondere ohne Auto schwer war, an Bücher zu kommen. In den gleichen Jahren breitete sich der 1994 als Online-Buchversand gegründete Konzern Amazon über die ganze Welt aus, indem er systematisch nicht nur die direkte Konkurrenz, sondern die gesamte Lieferkette aufkaufte oder verdrängte.

Das Ende der Oase oder ihre Unmöglichkeit

Heute gibt es kaum einen Ort, an dem man nicht ein Buch über Amazon bestellen könnte. Die Bücherwüste scheint ein aus der Zeit gefallener Begriff zu sein. Doch was tatsächlich verschwindet, sind die Orte, die Neuman als Oasen inmitten der Wüste beschrieb. Unabhängige Buchhandlungen, Verlage, Bibliotheken, Lesecafés, Literaturklubs.

1994 entschied sich Jeff Bezos Bücher zu verkaufen, weil sie in ihrer Form die perfekte Ware darstellten, so einfach zu stapeln, lagern, verschicken. Entscheidender jedoch ist heute, wie Bücher immer mehr in ihrem Inhalt zur Ware werden, bis hin zu KI-geschriebenen Büchern, die an die jeweiligen Wünsche der Kunden individuell angepasst werden können und Handlungsorte oder Namen der Charaktere beliebig abändern. Maschinell erzeugte Unikate. Wenn nicht nur das Buch, sondern auch unsere intime Beziehung zum Buch, unsere Phantasie kolonialisiert werden, dann ist es vielleicht genau umgekehrt. Die Wüste ist nicht verschwunden, sie ist überall.

Wenn wir uns unter diesen Verhältnissen entscheiden einen Verlag zu gründen, dann geschieht das aus der Liebe zu den Büchern, die von der Wüste verschluckt wurden. Sie sind längst vergriffen, werden nicht mehr gedruckt oder wurden gar nicht erst übersetzt, weil es sich schlicht für niemanden rechnet.

Aber ist es möglich, inmitten einer Wüste noch Oasen blühen zu lassen? Und wenn ja, wie lange würden sie sich halten? Wenn wir doch selbst den Sand aus der Wüste in den Falten unserer Kleider mit uns in die Oase bringen, wie Marcello Tarì schreibt. Vielleicht sind unsere Bücher auch nur eine Fata Morgana, eine Spiegelung vergangener Lebensformen, die sich die Wüste längst zurückerobert hat? Inmitten einer ewigen Wüste etwas ganz anderes zu sehen, scheint uns das Risiko wert zu sein.

Wider die Verwüstung: vorwärts Barbaren!

Was bedeutet die Verwüstung der Welt für uns? Sie bedeutet nicht nur, dass immer größere Teile der Welt un- oder zumindest schwer bewohnbar werden. Sie bedeutet auch, dass wir arm werden. Arm nicht nur an Flora und Fauna, sondern auch an Erfahrung. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges schrieb Walter Benjamin von Erfahrungsarmut und einem neuen Barbarentum, das wir uns zum Vorbild nehmen.


Diese Erfahrungsarmut ist Armut nicht nur an privaten sondern an Menschheitserfahrungen überhaupt. Und damit eine Art von neuem Barbarentum. Barbarentum? In der Tat. Wir sagen es, um einen neuen, positiven Begriff des Barbarentums einzuführen. Denn wohin bringt die Armut an Erfahrung den Barbaren? Sie bringt ihn dahin, von vorn zu beginnen; von Neuem anzufangen; mit Wenigem auszukommen; aus Wenigem heraus zu konstruieren und dabei weder rechts noch links zu blicken. […]
Und nun wollen wir einmal Abstand halten, zurücktreten.
Arm sind wir geworden. Ein Stück des Menschheitserbes nach dem anderen haben wir dahin gegeben, oft um ein Hundertstel des Wertes im Leihhaus hinterlegen müssen, um die kleine Münze des ‚Aktuellen‘ dafür vorgestreckt zu bekommen. In der Tür steht die Wirtschaftskrise, hinter ihr ein Schatten, der kommende Krieg. Festhalten ist heut Sache der wenigen Mächtigen geworden, die weiß Gott nicht menschlicher sind als die vielen; meist barbarischer, aber nicht auf die gute Art. Die anderen aber haben sich einzurichten, neu und mit Wenigem. Sie halten es mit den Männern, die das von Grund auf Neue zu ihrer Sache gemacht und es auf Einsicht und Verzicht begründet haben. In deren Bauten, Bildern und Geschichten bereitet die Menschheit sich darauf vor, die Kultur, wenn es sein muß, zu überleben. Und was die Hauptsache ist, sie tut es lachend. Vielleicht klingt dieses Lachen hie und da barbarisch. Gut. Mag doch der Einzelne bisweilen ein wenig Menschlichkeit an jene Masse abgeben, die sie eines Tages ihm mit Zins und Zinseszinsen wiedergibt.“

Walter Benjamin: Erfahrung und Armut (1933)

Das also ist unser Programm: Aus der Wüste zu desertieren, den Krieg zu verweigern, die Kultur zu überleben, lachend. So manche vergessene Erfahrung aus den Büchern, die wir aus dem Wüstensand ausgraben, erscheint uns allzu passend für die heutige Zeit. Zugleich soll sie nicht eingefügt werden in die Zeit, sondern als ihr Fremde, ihr Äußerliche ein Licht auf sie werfen.

Die Sprache als Anfang

Wer Freund ist, wer Feind scheint heute wieder eindeutig. Überhaupt scheint alles eindeutig. Jeder Sprachakt ein unmissverständliches Benennen, ein besser nicht zu missverstehendes Benennen, denn sonst… ja, was sonst? Verlieren wir sonst unsere Identität? Wenn sie falsch benannt wird? Haben wir Angst vor dem Spalt, der sich auftut, zwischen uns und der Sprache, zwischen dem was wir sind und dem was wir genannt werden? Schon legt sich der Wüstensand darüber, besser nicht hinsehen, weitergehen, immer weiter, hoch hinauf auf die Düne, niemals hinunter.

Was aber, wenn wir jenem Spalt nicht versuchen zu entrinnen? Wenn wir ihn uns zu eigen machen als grundlegende Erfahrung unseres Seins? Vielleicht liegt in jedem Sprechen immer schon ein Moment der Subjektivierung und der Entsubjektivierung zugleich und vielleicht liegt gerade darin ihr sprengendes Potenzial. Wer wir sind, können wir nicht sagen, was wir sehen, nicht, was wir hören und fühlen. Ganz sicherlich können wir der Sprache niemals habhaft werden, Eigentum kann sie niemals sein. Vielleicht also liegt in dem Spalt zwischen Sprache und uns eine letzte Oase verborgen, die der Anfang ist.

Wenn „das Prinzip der Sprache selbst hier etwas Fremdes und ‚Barbarisches‘ wird“, so tritt an die Stelle des sprechenden Subjekts ein anderes, ein Kind, ein Engel oder eben ein Barbar, der ‚in den Wind‘ und ‚ohne Frucht‘ redet wie Giorgio Agamben mit Rückgriff auf Paulus ersten Brief an die Korinther schreibt. ‚Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht kenne, werde ich für den, der spricht, ein Barbar sein und der, der in mir spricht, wird ein Barbar sein‘ (14,11).

Wenn wir also Bücher, Ideen und Geschichten aus der Wüste retten wollen, so machen wir uns auf die Suche nach den Barbaren der Geschichte und übersetzen sie ins Deutsche, wo sie nur auf Englisch, Französisch, Italienisch oder Spanisch vorliegen. Übertragen die Ideen von Feministinnen, die von ihren eigenen Schwestern im Stich gelassen wurden oder von überzeugten Kommunisten, die für die Partei zu kommunistisch waren, ins Deutsche und ins Heute. Die Reflexionen von aufrechten Reaktionären und von gebrochenen Revolutionären. Die Geschichten von Deserteuren und von Kindern, von Piraten, Verrätern und Räubern, von Müttern und Huren und vielleicht auch von Engeln. Von schillernden Fabelwesen und eiskalten Mördern.

Wir hoffen, es findet sich die ein oder andere Geschichte, die sich bewohnen oder die ein oder andere Idee, die sich gebrauchen lässt. Sie werden in drei Reihen erscheinen:

1. Subversion und Ethik

2. Lebensform

3. Kindheit und Spiel